Das Museum im Sanierungsgebiet Altstadt

Städtebauliche Entwicklung, Sanierungsgebiet „Altstadt“ (von Dieter Burghaus)

Der obere Teil der Steinstraße rückte erst berufsbedingt im Rahmen der Sanierung der Altstadt (Oberstadt) in mein Bewusstsein. Bis dahin waren das Gymnasium am Rittersberg, das Gasthaus „Zur Burg“, der „Großemax“ in der Kolbengasse, der Jazzkeller in der Klosterstraße, Jonnys Keller, … Teil meiner Jugend. ( Schulbesuch, Vespa fahren, Jazzmusik, Bier trinken, …..)

1972 wurden nach 2-jahrzehntelangen Startversuchen die Grenzen des Sanierungsgebietes „Altstadt“ abgesteckt und mit einer Satzung die rechtlichen Grundlagen geschaffen. Bei der Bezeichnung „Altstadt“ handelt es sich um einen Arbeitstitel. Stadtgeschichtlich handelt sich um die mittelalterliche Oberstadt nordöstlich der Lauter.

Bereits seit Ende der 50er Jahre wurde mit Hilfe von Veränderungssperren, Bebauungsplänen und ähnlichen baugesetzlichen Instrumentarien versucht, die lange überfällige städtebauliche Neuordnung dieses weitgehend vom II. Weltkrieg verschonten Stadtquartiers einzuleiten.

Das 1957 erlassene Betretungsverbot (Off limits) großer Teile des späteren Sanierungsgebietes für Angehörige des Militärs macht all die Probleme besonders deutlich. Es hatte sich hier ein zwielichtiges Vergnügungsviertel entwickelt.

Flächensanierung

Die 1972 von einem Stadtplaner durchgeführte vorbereitende Untersuchung mit darauf folgendem Vorschlag zur Neuordnung wollte nur wenig historische Stadtstruktur erhalten. Die nicht in den 50er Jahren im Rahmen des Wiederaufbaus erstellte Bausubstanz sollte Kaufhäusern, einem Kino, einem Hallenbad, usw. weichen. Das Anwesen Steinstraße 48 -1817 für Johannes Gelbert als Fuhrmannsgasthof „Zum Rheinkreis“ errichtet -, der Wadgasserhof und weitere heute als erhaltenswerte oder gar schützenswerte Bausubstanz erkannten baulichen Anlagen und Stadtgrundrisse standen dieser geplanten Neuordnung im Wege. Straßenzüge sollten verlegt oder ganz aufgelassen werden.

Der Block 19 – Steinstraße, Matzenstraße, Stockhausstraße – mit dem Anwesen Steinstraße 48 wurde in den Voruntersuchungen zur Sanierung wie folgt bewertet: Die vorwiegende Baumasse dieses Baubereiches besteht aus dem alten hofförmigen Komplex, der zur Zeit gewerblich genutzt ist, mit dem Gebäude Steinstraße 48, das von der Denkmalpflege als denkmalwertes Gebäude klassifiziert wurde. Die auf kleinen Parzellen befindliche Randbebauung entlang der Matzenstraße erstreckt sich im Winkel um diesen dominierenden Bau. Da die Bauten in sehr schlechtem Zustand sind und in der materiellen Bewertung im Durchschnitt bei 1 liegen, ist nach den Zielvorstellungen der Neuordnung die Beibehaltung der Baumassen nicht empfehlenswert. Es wird jedoch zu erwägen sein, ob diese charakteristische Form des großen Baukomplexes mit kleiner Randbebauung nicht in moderner Form übernommen werden könnte …. .

Zu dieser Zeit waren hier ein Betrieb für Futtermittel und Getreide, eine Zuckerwarenfabrik, ein Installationsbetrieb, eine Schlosserei und in den Obergeschossen Wohnungen untergebracht.

Dem zögerlichen Beginn der Sanierung und sicher auch den hohen Kosten einer Flächensanierung mit einem aufwändigen Grunderwerb ist es zu verdanken, dass neue städtebauliche Überlegungen gefragt waren und dies die Chance zu einer behutsameren Sanierung bei weitgehender Erhaltung zumindest der Grundrissstruktur des Quartiers gab. Vielleicht waren es auch die gebauten Beispiele benachbarter Städte, die schon früh in der ersten Welle städtebaulicher Neuordnung nicht unbedingt nachahmenswerte Beispiele schufen.

Wegen all dieser Erkenntnisse, verknüpft mit vielen Zufälligkeiten und dem Engagement Einzelner, stellen heute das Theodor-Zink-Museum und der Wadgasserhof Beispiele gelungener Sanierung von mittlerweile denkmalgeschützter Bausubstanz dar und tragen somit zur Förderung des geschichtlichen Bewusstseins und der Heimatverbundenheit und zur Unverwechselbarkeit des Quartiers bei.

Einige bedeutende das Gebiet prägende bauliche Anlagen konnten aus verschiedensten Gründen nicht erhalten werden. Es waren dies u.a. die typische Bebauung südlich der Steinstraße im Bereich der heutigen Wohnanlage der Bau AG, die Brauerei Bender mit der dazugehörenden Hauswirtschaft, Teile der Fabrikgebäude der Firma Kampmann nördlich der Ludwigstraße, Klosterstraße 7 an der Ecke zur Barfüßergasse (ehemaliger Jazzkeller) mit seinen gotischen Kellern, Gasthaus „Zur Burg“, Gasthaus „Mainzer Tor“.

Ebenfalls wurden die Gebäude der Mälzerei des Gelbert’schen Anwesens nicht erhalten, die noch bis nach dem I. Weltkrieg unter dem Namen F. W. Gelbert betrieben wurde, nachdem 1892 die Bierbrauerei aufgegeben war.

Neue Ziele der Sanierung

Es war Hauptziel der Sanierung, das heruntergekommene Quartier um die Steinstraße durch Schaffung gesunder Wohn- und Arbeitsverhältnisse wieder aufzuwerten.
Dies gelang bereits schon einmal in der Zeit Napoleons I., als das im 30jährigen Krieg verschlossene Steintor im Zusammenhang mit dem um 1800 erfolgten Ausbau der Kaiserstraße, die von Paris nach Mainz führte, wieder geöffnet wurde. Damals siedelten sich an der Steinstraße Handwerker, Fuhrunternehmer, Herbergen, Gasthöfe, Posthaltereien und sonstige Betrieb an, die von einer Fernstraße leben konnten. Der wirtschaftliche Niedergang erfolgte mit dem Bau der Eisenbahn 1848/49. Hierdurch erweiterte sich die Stadt nach Süden, die Betriebe zogen entweder mit oder stellten wegen des mangelnden Bedarfs ihre Tätigkeit ein. Die Ludwigstraße, bereits 1817 vor der mittelalterlichen Stadtmauer angelegt, übernahm später den Durchgangsverkehr.

Erste Überlegungen der Verwaltung zur Nutzung städtischer Gebäude, Steinstraße 5, 7, 9 (Haus Rettig und ehemaliges Rathaus am St. Martins-Platz) und Steinstraße 48 erfolgten im November 1974.
Mit der Planung wurde im September 1975 begonnen. Vorbereitende Untersuchungen der Bausubstanz erfolgten dann ab Dezember 1975.
Ebenfalls im Dezember 1975 erhielten die Architekten und die Projektingenieure ihre Verträge, so dass bereits im Dezember einzelne Gewerke vergeben werden konnten. Die Planung lag in den Händen der Architektengemeinschaft Schmitt / Folz aus Kaiserslautern.
Die Finanzierung erfolgte durch ein Sonderprogramm zur Stadtsanierung durch den Bund und das Land. Der Bewilligungsbescheid setzte einen sehr engen zeitlichen Rahmen fest.

Mit den Bauarbeiten wurde im Januar 1976 begonnen.

Wegen meiner beruflichen Erfahrung mit alter Bausubstanz wurde ich in die Abwicklung des bereits im Bau befindlichen Gelbert’schen Anwesens mit einbezogen, was mir große Freude machte. Ich hatte speziell für die bautechnische Abwicklung der Altstadtsanierung und deren städtebauliche Neuordnung im Oktober 1976 wieder in den öffentlichen Dienst gewechselt – Stadtplanungsamt, Abteilung Sanierungsplanung, Leitung: Baurat Gerhard Gräf, Baudezernent: Beigeordneter Hans Werner Assel.

Ich wurde im November 1976 mit der Feststellung der Baukosten für den Rohbau und den Ausbau beauftragt, die ich im Dezember 1976 vorlegen konnte.

Die Rohbauabnahme wurde am 11.11.1976 beantragt. Die Ausbauarbeiten konnten im Juni 1977 abgeschlossen werden. Die Einweihung erfolgte am 18.02.1978.

Die Gebäude der ehemaligen Mälzerei (Ecke Steinstraße und Stockhausstraße) wurden nicht erhalten. Bestehen blieb die Vierseitenanlage des Gelbert’schen Anwesens mit Hauptgebäude, den Seitenflügeln und der Scheune. Ursprünglich war der Ausbau der Scheune nicht vorgesehen, die heute zentraler Punkt des Museums ist, wo immer neue Ausstellungen und Veranstaltungen neugierig machen.

Erst im April 1982 erfolgte die Unterschutzstellung als Kulturdenkmal.

Das Anwesen Steinstraße 48 – Theodor-Zink-Museum – löste als erste und öffentliche Baumaßnahme im Sanierungsgebiet die dringend erforderliche Initialzündung aus und motivierte auch private Eigentümer bei der Neuordnung des Gebietes mitzuwirken.

Zur städtebaulichen Gestaltung des Umfeldes des Museums fanden zur Randbebauung des Stockhausplatzes und der Steinstraße intensive Gespräche zwischen der Sanierungsplanung, den Architekten und dem Bauherrn statt. Grundlage waren die von der Verwaltung erstellten städtebaulichen Rahmenpläne und die in Aufstellung befindlichen Bebauungspläne.

Dort wo die Mälzerei stand, ist heute der Stockhausplatz. Übrig geblieben ist vom Giebel der Mälzerei Gambrinus, als Schutzherr der Bierbrauer bezeichnet, aus gelbem Stein geschlagen. Er steht heute in der Fruchthalle und diente lange Zeit, leicht beschädigt, als „Armleuchter“. Der Versuch ihn bei der Gestaltung des Platzes wieder an seinen alten Standort zu bringen scheiterte.

Der Platz sollte großzügig gestaltet werden. Der Versuch eines Obst- und Gemüsemarktes, später eines Blumenmarktes verwelkte nach wenigen Versuchen. Er ist heute Mittelpunkt des Altstadtfestes, das hier am 1. Oktober 1977 seinen Anfang nahm. Die Einrichtung von kleinen Geschäften für den täglichen Bedarf scheiterte.

Die Einbeziehung des Wadgasserhofes nach aufwändiger Sanierung unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten verschaffte dem Museum dann zusätzliche Ausstellungsflächen.

Der Kaiserbrunnen nach Entwürfen von Prof. Gernot Rumpf und Barbara Rumpf am Mainzer Tor erbaut – Eingang in die Altstadt oder Ausgang? – bringt Besucher der Stadt, geführt von engagierten Stadtführerinnen, regelmäßig in die Steinstraße. Aber auch an heißen Sommertagen hat sich hier trotz des hohen Verkehrsaufkommens der Ludwigstraße ein Treffpunkt zum Verweilen mit „Planschbecken“ für die Kinder der Nachbarschaft entwickelt. Dank an die Künstler Gernot und Barbara Rumpf und die großzügigen Spender.

Die Anwesen Steinstraße 47 (Bumiller-Raab-Stiftung, heute Jugendzentrum), Steinstraße 49 (herrschaftliche Villa, erbaut von F. D. Karcher), Steinstraße 51 (ehemalige Weinstube Weiß, heute Altstadthotel) säumen mit ihren denkmalgeschützten Fassaden die Nordseite der Steinstraße und erhalten die Maßstäblichkeit der Bebauung in der Umgebung des Museums.

Reste der um 1300 errichteten Stadtmauer wurden in der Schmiedeturmstraße freigelegt. An der Ostgrenze des Wadgasserhofes wurde die nur in ihrer ursprünglichen Mauerstärke erhaltene Stadtbefestigung restauriert.

Das Museum am Stockhausplatz bildet zusammen mit dem Wadgasserhof den städtebaulichen Schwerpunkt der oberen Steinstraße. Hier ist der kulturelle Mittelpunkt der „Oberstadt“.

Dieter Burghaus
ehemaliger Mitarbeiter im Stadtplanungsamt Kaiserslautern und untere Denkmalschutzbehörde

Literaturhinweis:
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Band 14, Stadt Kaiserslautern, 1996
Kaiserslautern, Untersuchung zur Stadterneuerung, Dipl. Ing. Hans Mausbach, Seiten 88 – 90, 03.06.1972
Heimatkalender 1978, 1980
Christmann/Friedel, Kaiserslautern einst und jetzt
Dieter Burghaus

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